Predigt am 1. Mai 2011 von Pfr. Joachim L. Beck, Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll
Predigtreihe „Suchet der Stadt Bestes“ Teil I: Kirche und Öffentlichkeit.
TEXT Jeremia 29, 4-7
Liebe Gemeinde,
der Prophet Jeremia formuliert programmatisch für die Gemeinde:
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.“
Eine Provokation ist das für die Ohren der jüdischen Männer gewesen. Eine Provokation ist das. Eine Provokation im Wortsinn: Jeremia redet für, lockt heraus, ruft die Menschen in die Verantwortung. Raus aus dem eigenen Schneckenhaus, aus der Isolation – hinein in die Verantwortung für die Stadt, für das Gemeinwohl würden wir heute sagen.
Ein paar Sätze zur Situation, in die hinein Jeremia spricht.
Seine Landsleute waren deportiert, verschleppt worden. Nach Babel. Die Oberschicht und die Führer des jüdischen Volkes waren nicht mehr in Jerusalem, der Stadt Gottes. Kein Tempel war da in Babylon, nichts Religiös vertrautes – weit und breit. Die Gemeinde in der Diaspora, in der absoluten Minderheit. Nicht mehr die, die bestimmen, nicht mehr die „Meinungsmacher“.
Und – so erzählt der 137. Psalm – nun sitzen sie da in Babel/Babylon. Und weinen.
„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.
Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Land.
Denn die uns gefangen hielten, heißen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein.
Wie könnten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?
Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte.
Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenken, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine Freude sein.“
Depression macht sich breit unter den Verschleppten – Lebensunlust. Resignation.
Die Männer wollen nicht mehr. Die Frauen auch nicht. Was sollen sie auch im fremden Land? Ohne Tempel? Ohne die geistliche Heimat? Überhaupt: Fern ab von der Heimat? Was soll man da?
„Suchet der Stadt Bestes!“
Das ist zu tun!
Sich um die Stadt kümmern – um das Wohl der Stadt. Der „feindlichen“ Stadt. Der Stadt, deren Bewohner nicht gerade freundlich mit einem umgegangen sind.
„Suchet der Stadt Bestes!“
Das ist zu tun!
Sie ahnen die Provokation – die Herausforderung, die darin steckt.
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie. Denn wenn’s ihr wohl geht, dann geht’s auch euch wohl.“
Sich nicht um sich selbst kümmern und drehen.
Sich nicht mit sich selbst und dem eigenen Elend beschäftigen.
An die Zukunft denken – an die Zukunft aller, nicht nur die eigene.
Daran erinnert Jeremia die jüdische Gemeinde in Babel – um 600 v.Chr.
Aber das ist keine überholte Erinnerung. Sie ist auch für die Christengemeinde 2011 bedeutend. Und wichtig.
Sich um die Stadt kümmern, öffentlich erkennbar und sichtbar sein. Sich nicht am Fluss verstecken, sich nicht zurückziehen ins Gemeindehaus oder in die Kirche oder die Hauskreise oder …, sondern sich einbringen in die Gemeinschaft, ins Gemeinwohl. Sich um den Stadtteil kümmern, um das Quartier, wie es in der Soziologensprache heißt – das ist unsere Aufgabe.
Religion allgemein, christlicher Glaube m. E. ganz besonders hat diese öffentliche Aufgabe.
Im Religionsmonitor von Bertelsmann ist zusammengefasst: alle Befragten, egal welcher Religion sie angehören, haben darauf hingewiesen, dass sich der Glaube, die Religion im Alltag auswirkt. Im alltäglichen Zusammenleben.
Im Koalitionsvertrag findet man wenig zu Kirchen und Religionen, aber diese Aufgabe, sich im Gemeinwesen einzubringen, diese Aufgabe ist benannt.
„Für uns ist das Wirken der Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wertvoll, insbesondere wo sie zur Verantwortung für Mitmenschen und das Gemeinwohl ermutigen.“
Als hätten Schmid und Kretschmann bei Jeremia abgeschrieben. Auch wenn damit Religion nicht in der Fülle beschrieben ist, ein wichtiger Aspekt ist benannt.
Der Glaube an den Auferstandenen führt dazu, dass wir uns für das Leben einsetzen. Hier und heute. Es geht um die „lebendige Hoffnung“, von der der Wochenspruch spricht. Die lebendige Hoffnung bezeiht sich auf alle, mit denen wir leben, und alles, mit dem wir zu tun haben.
Und diese Hoffnung bezieht sich auch auf jede und jeden ganz persönlich. Auf das individuelle, je eigene Sein und Leben. Das ist der persönliche Glaube, die private Religion.
Diese sucht Gemeinschaft. Daraus entsteht das Gemeindeleben, das gemeinsame Feiern der Gottesdienste. Und in unserer Tradition auch die Kreise und Gruppen. Das kirchliche Vereinsleben. Das manchmal viel Energie auffrisst. Bis da alles organisiert ist, bis da alles vorbereitet ist. … Ich denke, dazu muss ich nicht wirklich viel sagen und erzählen. Sie kennen es.
Und dann beginnt man um sich selbst zu kreisen und sich um sich selbst zu drehen. Dann beginnt man das Gemeindeleben zu aktivieren …
Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um Ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und tun es Gerechten unter den Menschen.
Das ist kein Satz von 2011, sondern von 1944. Dietrich Bonhoeffer hat dies formuliert als er darüber nachdachte, wo denn die Krise der Kirchen im Dritten Reich ihren Ausgangspunkt nahm. Im um sich selbst Drehen und kümmern und Sorgen. Bei Luther wird das „um sich Kreisen“ des Menschen, das in sich selbst „Verkrümmt Sein“ als Sünde bezeichnet. Und das gilt auch für Institutionen und Einrichtungen. Und so konnte Bonhoeffer dann wenige Wochen später formulieren:
Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.
Bei Jeremia heißt es: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie.“
Religion hat eine öffentliche Seite – sie kann nicht und darf nicht ins Private, das Tischgebet, die stille Zeit, das Bibellesen und ins Gemeindeleben, die Kreise und Gruppen abgedrängt werden. Darauf beschränkt werden.
„Suchet der Stadt Bestes!“
Religion ist öffentlich sichtbar.
Denn die Hoffnung gilt der ganzen Welt!
Religion muss sichtbar sein.
Die Kirchtürme prägen über weite Teile das Stadtbild.
Und die Debatte um das Minarett in Köln wird verstehbar, wenn dies unter dem Aspekt des „Öffentlich Erkennbarseins“ bzw. das öffentliche Leben bestimmen gesehen wird.
Auch Gottesdienste sind öffentlich.
Religion / Glaube muss erkennbar sein.
Das hat verschiedene Auswirkungen:
Es geht beim Gottesdienst nicht um eine sogenannte Arkandisziplin, dass wenige Eingeweihte hinter dicken Mauern ihren Glauben zelebrieren und sich dabei stärken.
Religion muss verständlich und verstehbar gemacht werden.
Deshalb auch der Religionsunterricht an der öffentlichen Schule.
Deshalb auch die Herausforderung an die Muslime, den Islamunterricht auf Deutsch zu machen, so dass alle verstehen können, was gesagt wird.
Religion ist in der Öffentlichkeit und kann / darf nicht versteckt werden.
Religion bestimmt damit auch die Öffentlichkeit. Ist politisch, wenn sie so wollen; kümmert sich um das Ganze, ist Teil des Ganzen, ist in der Öffentlichkeit, Religion / Christsein ist in diesem Sinne politisch – das ist was anderes als „parteipolitisch“.
Wir Christinnen und Christen haben Verantwortung für das Ganze – nicht nur für unsere Gemeinschaft und unsres Glaubens Geschwister, sondern auch für die Anderen, anders Glaubenden und Lebenden.
Religion mischt sich in der Kommune ein.
Zeigt Interesse am öffentlichen / gemeinschaftlichen Leben. Gestaltet das Gemeinschaftliche Leben mit.
Das lässt sich am 1. Mai ganz gut zeigen. Dieses Jahr fällt der 1. Mai auf einen Sonntag. Der „Tag der Arbeit“ – ein Sonntag.
Gut – wir sind hier und feiern den Gottesdienst. Auf öffentlichen Plätzen finden parallel oder nachher dann Kundgebungen statt. Auch die Gewerkschaften sorgen sich um die Sonntagsruhe.
Etwas, was uns auch angeht und uns gut ansteht, uns um die Sonntagsruhe zu kümmern.
In Reutlingen, in Ulm, in Stuttgart beginnen die großen Maikundgebungen mit Gottesdiensten, die der „Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt“ organisiert und mit den Gewerkschaften vereinbart hat.
Die Ruhe am 7. Tag ist der Zielpunkt der jüngeren Schöpfungserzählung im 1. Buch Mose.
Nicht der Mensch ist die „Krone“, sondern die Ruhe – das in Ruhe lassen und in Ruhe gelassen werden.
„Suchet der Stadt Bestes!“ – Nicht das pausenlose Arbeiten, nicht die ständige Betriebsamkeit, nicht das permanente Kämpfen um noch mehr Umsatz tut uns gut, sondern: Wir brauchen die Ruhe – das Aufhören können, das sich Erinnern lassen an die Güte Gottes. „Morgenglanz der Ewigkeit!.“ So haben wir zum Auftakt gesungen.
Ja – aufhören und in Ruhe lassen können. Das tut not. Das dient zum Besten der Stadt.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Debatte um die Karfreitagsruhe, das Tanzverbot am Karfreitag, die vor Ostern ausgebrochen ist. Weder pausenloses Arbeiten noch pausenloses Vergnügen tut dem Menschen gut und einer Stadt auch nicht.
Die Argumentationslinie ist nicht: Die Kirchen brauchen den Sonntagsschutz für den Gottesdienst, die Kirchen brauchen die Karfreitagstanzverbot für die Kirchenmusikveranstaltungen am Nachmittag und Abend, sondern der Sonntag – und der Karfreitag - ist um der Menschen willen notwendig. Er ist ein Geschenk für die Menschen. Er ist eine „heilsame Unterbrechung“ des Alltags. Er ist zweckfrei, nicht den Nützlichkeitskriterien, den Kennzahlen und den Berechnungen unterworfen.
Er muss nichts bringen – und gerade deshalb bringt der Sonntag soviel, weil er dem Nutzendenken entzogen ist.
Sich unterbrechen lassen – das tut gut. Der katholische Theologe Johann Baptist Metz beschreibt Religion auch als „Unterbrechung“.
Aufhören können – in Ruhe lassen können und in Ruhe gelassen werden.
Das tut einer Stadt gut, das tut einer Gemeinde gut … das tut uns gut!
„Suchet der Stadt Bestes! Betet für sie!“
Jeremia lockt Menschen, die sich zurückziehen aufs Eigene. Die traurig und trauernd, die deprimiert und verärgert oder enttäuscht sich in den Schmollwinkel zurückgezogen haben.
Jeremia provoziert: Orientiert euch an eurem Umfeld.
Schaut auf die Kommune, in der ihr seid.
Trauert nicht dem nach, was mal war.
Träumt auch nicht von dem, was auch noch sein könnte.
Oder vielleicht mal sein wird … Sondern:
Hier und jetzt.
„Suchet das, was der Kommune, dem Quartier gut tut.“
Betet für die Stadt.
Nochmals Dietrich Bonhoeffer:
„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. … Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.“
Das ist „öffentliche Religion“ – für andere da sein – nicht herrschend, sondern helfend und dienend.
Amen.
Fürbittegebet
Du Gott stützt uns, du Gott stärkst und, du Gott machst uns Mut.
Und so müssen wir uns nicht um uns selbst sorgen, um unser Seelenheil. Du stärkst uns und machst uns Mut.
So denken wir heute an alle die, die mutlos geworden sind, denen die Kraft fehlt, die alltäglichen Dinge zu tun.
Wir denken an die Menschen, die hier in Enzenhardt leben. Gemeinsam wollen wir eine stärkende Gemeinschaft sein – so dass Menschen sich hier wohlfühlen und wir miteinander in der großen Freiheit der Hoffnungsvollen und Erlösten leben können.
Gott, wir denken heute auch an all die Menschen, die keinen Sonntag haben: an Krankenschwestern und –pfleger im ambulanten und stationären Dienst, an Polizei und Feuerwehr, an Notfalldienste … an Bäckereiangestellte, die heute morgen wieder für ein frisches Brötchen gesorgt haben …
Wir sind dankbar für all diese Dienste.
Und gleichzeitig sehen wir mit großer Sorge, wie die Arbeit immer mehr Menschen pausenlos in Beschlag nimmt, wie gemeinsame Freizeit, freie Zeit, immer weniger wird.
Und wir merken, wie das auslaugt und stresst und anstrengt …
Es ist gut, von der Hoffnung zu wissen, davon, dass in diesem Leben sehr viel mehr wichtig ist als stimmige Zahlen und pausenlose Geschäftigkeit.
Menschliche Nähe,
Ruhe,
Sich an Geschenktes erinnern lassen
Aufatmen können.
Denn:
Du Gott stützt uns, du Gott stärkst und, du Gott machst uns Mut.
Vaterunser