Predigt von Prälat i.R. Martin Klumpp

AUFERSTEHUNGSKIRCHE NÜRTINGEN – ENZENHARDT
Sonntag Jubilate, 15. Mai 2011
Gottesdienst zum Thema: Kirche und Erziehung
Martin Klumpp, Prälat i. R. Stuttgart
 
 
Predigttext: 1. Mose 1, 27 – 28
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und als Frau.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
 
Liebe Gemeinde,
Aus der evangelischen Auferstehungskirche ist ein „Kinder- und Bürgerhaus“ geworden, in dem es schwerpunktmäßig um Bildung und Erziehung geht für alle Menschen, die hier wohnen.
Die Kirche beschließt damit, ihre Arbeit nicht mehr nur in einem innerkirchlichen Haus, sondern in einem für alle Menschen offenen, kommunal verwalteten Haus anzubieten. Was die Kirche sagt und betreibt, geschieht gewissermaßen auf einem öffentlichen Marktplatz. Übrigens: Als der Apostel  Petrus zum ersten Mal nach Athen kam, predigte er auf dem Areopag, dem größten Platz in dieser Stadt.
Wenn wir so etwas als Kirche wagen, kommt es darauf an, dass wir die Botschaft, die Identität der Kirche und die Zuwendung Gottes zu allen Menschen für alle verständlich darstellen und zu vermitteln versuchen.
Durch das Evangelium erfahren Menschen, wie wunderbar unser Leben sein kann, welche Gaben uns geschenkt sind, wie wir sie heilsam uns hilfreich für uns und andere Menschen anwenden können, und wo Gefahren lauern, an diesen wunderbaren Möglichkeiten vorbei zu leben; z. B. wenn wir die Schöpfung nicht pflegen, sondern zerstören..
Davon redet auch der kurze Abschnitt aus der biblischen Schöpfungsgeschichte, den wir vorher gehört haben..
 
                                                                   II
Zur gleichen Zeit, in der unser biblischer Schöpfungsbericht entstand, schrieb man auch in Babylon einen Schöpfungsbericht, der ganz ähnlich klingt. Auch damals war man schon -wie wir heute- global untereinander vernetzt. Umso erstaunlicher ist ein Unterschied. Im babylonischen Schöpfungsbericht heißt es ähnlich wie bei uns: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen“. Dann wird aber hinzugefügt: Lasset uns Menschen machen, dass sie uns dienen und für uns arbeiten.
In der Bibel ein eklatanter Unterschied: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei“. (Gen. 1, 26)
„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“. Gott schafft uns nicht, dass wir nur dienende Sklaven wären. „Ebenbild Gottes“ sind wir, weil er uns beziehungsfähig und fähig zur Liebe gemacht hat!
So wahr wir Menschen sind, haben wir Beziehung zu Gott. So wahr wir Menschen sind haben wir Beziehung zu Menschen, die anders sind als wir selbst. So sind auch Mann und Frau zwar gleich berechtigt, aber nicht gleich. So wahr wir Menschen sind, haben wir Beziehung zur Natur, zur Schöpfung, zu Tieren und Pflanzen. Albert Schweitzer spricht vom „Leben inmitten von Leben, das leben will“.
So wahr wir Menschen sind, haben wir Beziehung zu uns selbst. Wir können zu uns selbst in eine Beziehung treten und in einem inneren Dialog darüber nachdenken, wie wir mit uns selber umgehen, wovon wir uns bestimmen lassen. Das meint: Wir haben Verantwortung und können sie bewusst wahrnehmen.
Deshalb preist in der Bibel der Mensch  den Schöpfer, weil er uns „wenig niedriger als Gott“ gemacht hat. (Ps..8, 6) Wir sollten dies als etwas Hohes und Wunderbares wahrnehmen und empfinden!
 
                                                              II
So groß dadurch unsere Möglichkeiten sind, so hoch die Würde ist, so gewichtig ist damit auch unsere Verantwortung. Wo die Freiheit und die sich daraus ergebende Verantwortung groß sind, da wächst auch die Gefahr, dieses zu missbrauchen.
Alles, was wir mit Bildung und Erziehung meinen, heißt: Wie helfen wir einander, dass wir diesen hoheitlichen Auftrag im Sinne des Schöpfers und zum Wohl des Menschen wahrnehmen? Deshalb: Wo Kirche ist, das ist Bildung und Erziehung, damit wir die ungeheuren Chancen und Gaben positiv fürs Leben nützen.
 
- Zur Bildung und Erziehung gehört, dass wir die Kräfte des Körpers und des Verstandes entwickeln und pflegen bei allen Kinder und Erwachsenen. Alle sollen sich an den Gaben, die Gott ins sie gelegt hat, freuen können. Deshalb ist uns die normale körperliche und geistige Bildung und Erziehung auch vom Glauben her wichtig, weil alle sich bewusst daran freuen  sollen.  Martin Luther forderte die Schulpflicht für alle Knaben, und Johannes Brenz, der Reformator unseres Landes, fordert dazu hin noch die Schulpflicht auch für alle Mädchen.
 
- Zur Bildung und Erziehung gehört die religiöse Unterweisung, die Pflege der Beziehung zu Gott, die Kenntnis dessen, was die Bibel sagt und was im Glauben wichtig ist. Diese Bildung ist auch deshalb wichtig, damit kein Mensch sich selbst mit Gott verwechselt. Die Erkenntnis, dass zwischen mir und Gott ein himmelweiter Unterschied ist, die Erkenntnis, dass nicht ich der Schöpfer bin und auch nicht Herr des Lebens, die Wahrnehmung meiner eigenen Fehlerhaftigkeit und meiner Grenzen, das Wissen, dass mein Leben Gabe und nicht Besitz ist, das hilft zur Menschlichkeit. Wo wir den Unterschied zwischen Gott und Mensch verwischen, selbst „wie Gott“ sein wollen, da spielen wir uns auf  zu Herrschern über andere Menschen und zu einer zerstörerischen Herrschaft über Natur und Schöpfung. Trotz aller Leistungen, die wir mit Technik, Wissenschaft, Wirtschaft und Naturbeherrschung zustande bringen, brauchen wir die Ehrfurcht, dass dies alles nicht durch uns gemacht ist. Wo wir diese Selbstbegrenzung vergessen, schlägt unsere Freude an Kraft- und Machtentfaltung in Zerstörung und Verhängnis um. Deshalb ist die religiöse Bildung nicht nur eine schöne Zutat zum Leben von uns Menschen, sie ist lebenswichtig, gerade auch in unserer Zeit.
 
- Zur Bildung und Erziehung gehört die Einübung in Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Umgehen mit meinen Gaben und zugleich die Ehrfurcht vor dem, was andere können. Sich freuen an Nähe und Harmonie untereinander, und das, was anders ist am anderen, auch interessant und hilfreich finden. Zur Bildung gehört nicht nur Wissen und Wissenschaft, sondern auch soziale Fähigkeiten, z. B. Bindungen knüpfen und gestalten können.
 
-Zur Bildung und Erziehung gehört die Einübung in den bewussten Umgang mit Gefühlen.. mit frohen und belastenden Gefühlen. Zum Beispiel, wenn ich traurig werde, wenn etwas, das ich wollte, nicht gelingt, wenn Streit belastet, wenn Krankheit Grenzen setzt, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, dann entstehen Gefühle von Schmerz oder Wut, Niedergeschlagenheit oder Schuldgefühle, Einsamkeit oder Sehnsucht. In solchen Krisenzonen unseres Lebens gibt es geistliche Kräfte in der Psyche, die wir aber nicht entdecken, wenn wir meinen, wir müssten das alles selber meistern und ganz schnell verändern können. Deshalb gehört auch das Entdecken und Erfahren geistlicher Kräfte in den Krisen unseres Lebens zur Bildung und Erziehung.
 
- Zur Bildung und Erziehung gehört zusätzlich die Befähigung, Schönes als schön wahrzunehmen, die Freude an dem, was einfach gut tut und die Fähigkeit, ein Glück auch zu empfinden: Die Schönheit von Musik, das Wunder einer schönen Blume, der Genuss bei einem guten Essen, das Glück einer herzlichen Begegnung. Das alles sind Geschenke, für die wir dankbar sind, an denen wir uns freuen sollen.
 
                                                                 IV
Liebe Gemeinde, wie wir im Beruf engagiert sind; ob wir ihn nur missmutig ableisten,
wie wir in der Familie Gemeinschaft pflegen, manchmal auch Konflikte überwinden,
wie wir uns politisch engagieren und auch unsere Umwelt achten,
ob wir nahe bleiben denen, die krank, gebrechlich, schwach, fremd oder behindert sind,
was wir für den Frieden tun.
Das alles haben wir im Blick, wenn wir von Bildung und Erziehung reden.
Wir erziehen nicht nur dazu, dass Menschen vor allem clever sind und möglichst viel Geld verdienen. Das ist auch schön, wenn man keine Geldsorgen hat und Wohlstand genießen kann.
Genauso wichtig ist aber, dass wir entdecken, wo wir gebraucht werden, welche Gaben uns Gott geschenkt hat und welchen Beitrag wir leisten können, so dass unser eigenes Leben und das Leben möglichst vieler Menschen gelingt.
 
Auch in der religiösen Erziehung geht es nicht nur darum, dass wir die Bibel verstehen, über den Glauben Bescheid wissen und in der Kirche engagiert sein können.
Es geht auch darum, dass wir durch den Glauben motiviert und fähig sind, in der Welt zu wirken.
Die weltlich – wissenschaftliche Bildung, die soziale Bildung, die psychische Bildung der eigenen Persönlichkeit und die geistliche Bildung: Das alles zusammen brauchen wir, gerade in unserer Zeit, in der fast alles möglich wird.
Nicht alles, was heute möglich ist, ist gut. Deshalb vermitteln wir durch die ganzheitliche Bildung und Erziehung einen inneren Kompass für die Entscheidung, was gut ist und was wir besser bleiben lassen.
 
Zu den Bildungszielen  gehört deshalb die Dialogfähigkeit, auch unter Menschen, die ganz verschiedenen Traditionen, Religionen, Kulturen oder Lebensstilen angehören.
Dieser Dialog braucht mündige, wissende, sprachfähige, tolerante und zugleich im eigenen Glauben gewisse Partnerinnen und Partner.
 
Dieses offene Haus, die seitherige Auferstehungskirche als kommunales Kinder- und Bürgerhaus kann für uns als Kirche und für Sie als Gemeinde eine heilsame Herausforderung sein, in der Mitte der Gesellschaft und in der Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen für das Evangelium einzutreten und zu bezeugen, was Gott uns und allen Menschen schenkt.
Amen!